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Zur feierlichen Begehung des Tages der Deutschen Einheit fand sich im Humboldtsaal über den Dächern Freiburgs ein bunt gemischtes Publikum ein. Der Bundestagsabgeordnete Matern von Marschall hatte unter dem Titel „Deutschland einig Vaterland?“ zum Diskussionsabend eingeladen. Gemeinsam mit dem gebürtigen Dresdner Hendrik Saalmann wurde der derzeitige Stand des deutschen Einigungsprozesses diskutiert.

Der Gastgeber Matern von Marschall eröffnete den Abend mit einem Rückblick auf die historischen Grundlagen des deutschen Einigungsprozesses. Der anwesende DDR-Zeitzeuge Hartwig Kluge ergänzte diese Darstellungen mit eigenen Betrachtungen. Mit Anmerkungen zur aktuellen politische Diskussion leitete der Bundestagsabgeordnete in das Gespräch über den heutigen Stand des Einigungsprozesses ein. Parteien am rechten und linken Rand spalten die Republik in Ost und West. Dies geschieht, obwohl sich die Arbeitslosigkeit bundesweit auf einem historischen Tiefstand befindet. Die moderne Universität in Leipzig und das Exzellenzcluster in Dresden haben sich zu entscheidenden Triebfedern einer dynamischen Forschungslandschaft entwickelt. Kleine und mittelständische Betriebe bilden das Rückgrat der Wirtschaft in den ostdeutschen Bundesländern. Diese Erfolge gehen allerdings in den Diskussionen über die jüngsten Vorfälle in Chemnitz unter. Mit Verweis auf Bill Clinton stellte der Bundestagsabgeordnete Matern von Marschall am Ende seines Einführungsstatements fest, dass wir uns stärker über die zahlreichen Gemeinsamkeiten identifizieren sollten anstatt die Unterschiede immer wieder in den Vordergrund zu stellen.

Im folgenden Gespräch betonte Matern von Marschall zunächst die herausragende Bedeutung von bürgerlichem Engagement in Vereinen und Parteien, welcher eine Demokratie erst lebendig machen. Der Politikwissenschaftler und Mitarbeiter im Freiburger Büro des Bundestagsabgeordneten Hendrik Saalmann beklagte, dass insbesondere das bürgerliche Engagement in den neuen Bundesländern nur schwach ausgeprägt ist. Dies ist historisch bedingt. Eine lebendige Zivilgesellschaft war in der DDR nicht erwünscht und viele junge Menschen, die solch eine Gesellschaft mit Leben erfüllen könnten, sind nach der Wende abgewandert.

Auch die politische Bildung wurde als essentiell für das Demokratieverständnis der Bürger angesehen. Hendrik Saalmann konnte aus seiner Bildungsbiographie berichten das Seminare und Workshops zur Aufklärung gegen Rechtsextremismus fest Bestandteil der politischen Bildung in Sachsen sind. Es stellt sich jedoch die Frage, ob ein Kampf gegen Rechtsextremismus zielführend ist. Insbesondere wenn er von ganz Linksaußen geführt wird. Ein Kampf für die freiheitlich demokratische Grundordnung der Bundesrepublik erscheint sinnvoller, um der zunehmenden politischen Polarisierung und wechselseitigen Dämonisierung politisch radikaler Kräfte entgegen zu wirken.

Darüber hinaus äußerte sich Hendrik Saalmann zu der Frage, warum die AfD gerade im östlichen Teil der Republik derart populär ist.  Zunächst stellte er fest, dass viele AfD-Wähler kein geschlossen rechtsextremes Weltbild haben. Die AfD profitiert viel mehr von einer Systemkritik. Diese Systemkritik wurde bereits von der SED-Nachfolgepartei in der Nachwendezeit erfolgreich kultiviert. Die AfD trifft so auf gute Startbedingungen. Darüber hinaus herrscht eine große Skepsis gegenüber dem eigenen Führungspersonal in Wirtschaft, Bildung und Politik, da dieses größtenteils aus dem Westen stammt. Damit einher geht eine Frustration über die Selbstwahrnehmung als unvollständige Kopie des Westens. Der Osten wird stets an dem vermeintlich unveränderlichen Maßstab des Westens gemessen. Es wird vom Osten erwartet, dass er sich anpasst. Es kommt erschwerend hinzu, dass die pauschalen Konstruktionen „Der Osten“ oder auch „Die Ostdeutschen“ einer differenzierten Auseinandersetzung im Wege stehen. Die mediale und öffentliche Beziehung zwischen Ost und West wird in der Summe von den beschriebenen Phänomenen erheblich belastet.

Neben der politischen und wirtschaftlichen Transformation vollziehen die ostdeutschen Bundesländer auch den Wandel von einer egalitären DDR-Gesellschaft zu einer auf Distinktion und Wettbewerb gründenden Gesellschaft. Dieser kulturelle Wandel kann sich nicht innerhalb nur einer Generation vollziehen und lässt politisch nur schwer steuern. Darauf wies auch der Vorsitzende der CDU Hexental Martin Uhl mit seiner Frage, ob die Schwierigkeiten im Deutschen Einigungsprozess nicht unvermeidbar waren, hin. Mit der entsprechenden Skepsis wurde auch die Frage von Theodor Lammich, ob die Unterschiede zwischen Ost und West sich nicht durch einen Generationswechsel verschwinden würden, beantwortet.

Am Ende des Abends stand die Erkenntnis, dass es zum verstärkten Werben für bürgerliches Engagement in Ost und West und zu einem positiven Verhältnis zur eigenen Herkunft keine Alternative gibt. In diesem Sinne beschlossen die Anwesenden den Abend mit der Deutschen Nationalhymne bevor in kleineren Gruppen bei Wein und Brezeln die angeregte Diskussion fortgesetzt wurde.

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